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Ich werde verrückt – wohin mit all der Schuld?

Dr. Sorglos empfiehlt: Nehmen Sie sich erst auf und dann in den Arm!

 

Ann, 26, Plauen: »Kennen Sie das Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, wer sie sind? Ich stecke fest in mir, meinen Gedanken und meinem Alltag. Ich fühle mich so vielen Menschen und eigenen Ansprüchen gegenüber verpflichtet, dass ich permanent mit einem schlechten Gewissen herumrenne, mich schuldig fühle und mit aller Kraft versuche, all dem gerecht zu werden. Inzwischen bin ich leer und aufgebraucht, was nun?«

Liebe Ann,

 

atmen Sie! Atmen Sie ganz tief ein und aus. Am besten noch einmal. Wissen Sie, auch ohne Sie zu kennen, ohne Sie je gesehen zu haben: Sie sind toll! Ein großartiger, sehr starker Mensch, dem zu recht viel an- und zugetraut wird. Vergessen Sie das nicht, auch wenn es Ihnen wahrscheinlich viel zu selten gesagt wird. Und, Sie sind eine komplette Vollidiotin – und ich schreibe dies auf die aller liebenswürdigste Weise, die Sie sich nur vorstellen können.

 

Wir Menschen, liebe Ann, schaffen es ohne Not aus Stärken, Schwächen werden zu lassen, uns mit Schuld zu belasten, statt uns auf die Schulter zu klopfen und hart mit uns ins Gericht zu gehen, statt uns gnädig zu begegnen. Und das ist per se so derart dämlich, dass man eigentlich nur darüber lachen kann. Lachen und sich selbst ein Stück weit auf den Arm nehmen, in dem man sich als herrlich verkopftes Wesen akzeptiert, kann ungemein befreiend sein. Versuchen Sie sich und Ihre Situation anzunehmen, zu verstehen und dann zu verändern – in dieser Reihenfolge.

Sehen Sie,  Sie reißen sich ein Bein aus, damit es anderen gut geht. Das ist sehr löblich, wir brauchen mehr Menschen wie Sie. Und doch: es hat Grenzen, nämlich spätestens da, wo Sie Ihr eigenes Wohl aus den Augen verlieren. Akzeptieren Sie, dass auch Sie – ganz gleich wie sehr Sie sich bemühen, schlicht nicht perfekt sind. Sie sind sehr gut, genauso wie Sie sind.

 

Dann sollten Sie versuchen zu verstehen, woher das Gefühl der Schuld kommt und ob es berechtigt ist. Manchmal kommt es von außen in Form von emotionaler Erpressung und Gewissensbissen. Manchmal kommt es aber auch von innen, weil wir einen konkreten Fehler begangen haben. Und viel öfter als Sie sich vorstellen können, liebe Ann, kommt das Gefühl der Schuld aus einer tiefen inneren Scham und deutet auf ein verringertes Selbstwertgefühl hin. Dieser Scham liegt meist das langsam gewachsene, vage Gefühl zu Grunde, ein schlechter Mensch zu sein und zu versagen; ein Relikt aus längst vergangenen Tagen, das mit den heutigen Gegebenheiten in aller Regel gar nichts zu tun hat.

 

Liebe Ann, ist die Ursache erst entdeckt, können Sie sich ganz fest in den Arm nehmen und dann ein reifes Gewissen entwickeln. Lernen Sie, moralische Konflikte zu lösen, indem Sie die Schwächen Ihres eigenen Denkens aufdecken. Unser Gewissen darf uns kritisieren, aber nicht fertig machen. Es sollte uns beschützen und warnen; wie eine Art Freund, nicht wie ein Boss. Leicht ist das nicht, aber es lohnt jeden Versuch. Seien Sie gnädig zu sich – Sie sind toll!

 

In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Sagen Sie mal, Herr Doktor, wie ist das mit dem Glauben?

Dr. Sorglos empfiehlt: Gackern Sie mal ein, zwei Schritte zurück!

 

Marleen, 23, Unterwürschnitz: »Mir scheint, hier gerät gerade einiges mächtig aus den Fugen auf diesem Planeten. Wir wissen so viel, aber wir tun so wenig und ganz ehrlich, so langsam frage ich mich ernsthaft, woran ich überhaupt noch glauben kann. An Gott? An die Liebe? An das Gute in den Menschen? An mich?«

Liebe Marleen,

 

wissen Sie oder glauben Sie, dass die Welt gerade aus den Fugen gerät? Damit beginnt die Überlegung. Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage, gibt Ihnen die Wissenschaft Ihre fünf Sinne an die Hand, mithilfe derer Sie sich Ihren Kosmos ordnen und erklären können. Sie könnten es sich nun also sehr einfach machen und fragen, ob Sie Gott je gerochen haben. Ob Sie die Liebe je hörten oder das Gute in den Menschen schon einmal fühlen durften. Doch ob Sie das wirklich weiterbringt?

 

Ich verstehe Sie, liebe Marleen, in jedem von uns gibt es ein Bedürfnis nach Ordnung, nach Klarheit in den Dingen und nach Antworten auf die Fragen, die wir uns stellen. Der Grad der Intensität mag unterschiedlich verteilt sein, aber für die allermeisten von uns gilt, dass unbeantwortete Fragen ein dringendes Bedürfnis nach Antworten mit sich bringen. Und auch wenn es fraglos herrlich wäre, die Dinge herunterzubrechen, in kleine, leicht verdauliche Teile, um sie schnell und schlicht weg zu sortieren und als erledigt abzuhaken – so einfach ist es leider nicht.

 

Doch wie sollten wir mit den schwammigen, uneindeutigen und unbefriedigenden Antworten umgehen und den Zustand aushalten, in dem es schlichtweg keine (klaren) Antworten zu geben scheint?

 

Im Zweifel, verehrte Marleen, hilft immer ein kleines bisschen Absurdität, um nicht wie gackernde Hühner am Zaun zu stehen und auf die andere, viel saftigere Wieseseite zu starren, sondern ein, zwei Schritte zurückzutreten und zu entdecken, dass der Zaun nur einen Meter breit ist und es ein Leichtes wäre, auf der anderen Seite zu erfahren, wie schön die Welt dort wirklich ist.

 

Wahrscheinlich beginnt die eigentliche Problematik in unserem Hang zur Dualität. Wir glauben an das Gute und das Böse. An die Hitze und die Kälte. An den Tag und die Nacht. Wir suchen stets nach einem Gegenpart, nach dem anderen Extrem, um uns irgendwo in der dabei entstehenden Skala einordnen zu können. Doch diese Vergleiche hinken! Nehmen wir nur das Licht. Wir können alle möglichen Formen von Licht erzeugen. Doch wie ist das mit der Dunkelheit, können wir sie auch variieren und intensivieren? Nein. Licht ist Energie, Dunkelheit nicht. Dunkelheit ist daher nicht das Gegenteil, sondern letztlich nur die Abwesenheit von Licht. Und schon da beginnt die Lücke in dieser Überlegung. Wir werden eindimensional in unseren dualen Denkmustern.

 

Und um diese Lücke zu schließen, haben wir den Glauben. Er ist das einzige, dass die Dinge antreibt, am Leben hält und diese furchtbaren Gemütszustände, in denen es keine klaren Antworten zu geben scheint, aushalten lässt. Von daher: Glauben Sie woran Sie wollen, es wird Ihnen helfen; und im Zweifel: an sich!

 

In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Wohin mit all den Jammerlämmern und Meckerziegen?

Dr. Sorglos empfiehlt: Durchbrechen Sie den Magnetismus!

Anna, 24, Kürbitz: »Alle beschweren sich. An jeder Ecke kotzt sich einer aus, wie schlecht es ihm geht, wie gefährlich die einen, wie unnütz die anderen sind und wie doof der Rest zu sein scheint. Die Wohnzimmer, die Eckkneipen, die Büros und nicht zuletzt das Internet – alles voll mit Jammerlämmern und Meckerziegen. Ich kann die Scheiße nicht mehr hören! Was nun, Herr Doktor?«

Liebe Anna,

 

haben Sie sich gerade bei mir beschwert? So wie Väter sich über gestresste Mütter beschweren und die Verantwortung für das Beziehungsglück einfach abgeben oder Singles, die über Einsamkeit jammernd auf Zweisamkeit hoffen. Verrückt, eigentlich! Und doch in der Folge logisch, denn das Beschweren ist uns in die Wiege gelegt.

 

Sehen Sie, liebe Anna, dass dieses Land in Selbstmitleid badet, ist gewissermaßen ein Kulturkennzeichen, ein Relikt preußischer Obrigkeitsdenke, welches auf Unterwerfung geeicht, gleich das perfekte Alibi mitliefert, um Verantwortung einfach wegzuschieben. Und das funktioniert tatsächlich, denn Jammern ist vor allem im öffentlichen Raum höchst profitabel! Mancher füllt ein ganzes Berufsleben frei von zusätzlichen Aufgaben und Engagement aus einer einzigen Quelle der Wehleidigkeit und kommt damit durch.

 

Der erste Schritt zur Besserung ist selbst mit dem sinnlosen Gemotze aufzuhören. Dann – und nur dann – können wir dem Geschrei der Jammerlämmer und Meckerziegen ganz genau zuhören und erkennen deren heimliche Eltern: die Schisshasen! So wird klar, dass das ganze Gezeter auf Angst basiert. Und nirgendwo auf der ganzen Welt, liebe Anna, spielt Angst – beispielsweise vor sozialem Abstieg – eine größere Rolle als bei uns. Sie führt dazu, dass die Getriebenen noch fleißiger arbeiten, noch sparsamer leben und noch unzufriedener werden. In diesem Klima der Unsicherheit, der Furcht vor Freiheit und Verantwortung, bildet sich ein Nährboden für kollektive Ängste, getarnt in Wut, Neid und Missgunst. Man kräht nach oben und hasst nach unten. »Die da oben müssen doch was tun!«, heißt es dann: »Und die da unten müssen weg!« Mehr geistige Tiefe lässt Panik leider nicht zu.

 

Ganz egal, ob der eigene Partner, das zugehörige Kind, die Chefin oder Kollegin, der Nachbar und beste Freund oder ein völlig Fremder Ziel der Tiraden sind, es gilt immer: Je mehr wir von anderen erwarten, desto größer ist das Risiko unzufrieden zu sein! Wenn also Jammern der erste Schritt zur Besserung sein soll, wie Oscar Wilde sagt, dann nur, wenn der zweite fragt: Was kann ICH ändern? Wir haben so lange über die kalte Höhle gemeckert, bis wir aufgestanden sind und das Feuer entdeckten. Es wurde so lange über die DDR geschimpft, bis zehntausende Leute auf die Straße gingen und sich friedlich einsetzten. Wenn wir also nun an den ewig Meckernden etwas ändern wollen, dann müssen wir deren Magnetismus durchbrechen. Wo einer jammert, wird ein weiterer angezogen und gemeinsam finden sie noch mehr Beschwerenswertes. Doch Sie lieber Anna, Sie steigen nicht in das heulende Wolfsrudel ein und gehen am besten gut gelaunt und lösungsorientiert im Mikrokosmos voran. Jammern kann ja jeder, stimmt’s?

 

In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Warum kann mein Chef nicht einfach mal Danke sagen?

Dr. Sorglos empfiehlt: Denken Sie an die Mutter aller Nationaltrainer!

Steffen, 19, Bad Elster:
»Natürlich verstehe ich das Grundprinzip »Arbeit gegen Geld«, ich verstehe nur nicht, warum mein Chef keine Sekunde zögert, um zu meckern oder mal wieder mehr Arbeit für das gleiche Geld zu fordern, warum er – geht es um Verständnis oder Flexibilität – flammende Appelle halten kann, wenn er sich ansonsten auffällig unfähig zeigt, mal etwas Nettes oder ein schlichtes Danke auszusprechen. Warum ist der so?«

Lieber Steffen,

 

wir leben in einer Gesellschaft, in der viele nach dem Leitsatz handeln: Keine Kritik ist Lob genug. Die Gründe dafür sind vielfältig, bisweilen bitter und eine Lösung bräuchte – wie so vieles, was diesem Land gut tun würde – ein nachhaltiges Umdenken der Bevölkerung. Die viel spannenderen Fragen für den Moment lauten aber ganz anders: Warum liegt Ihnen, lieber Steffen, das fehlende Lob so schwer auf dem Herzen? Warum definieren Sie so über Ihre Arbeit statt Ihre Anerkennung vielleicht auf anderen Lebensfeldern zu ernten? Und ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie Teil des Problems sind?

 

Hand aufs Herz – wie oft bedanken Sie sich denn bei Ihrem Chef für Ihre Arbeit, für Ihren Lohn oder für Ihr Weihnachtsgeld? Wie oft bedanken Sie sich bei dem Busfahrer, der Sie heil von A nach B gefahren hat oder bei dem Bäcker, dass er mitten in der Nacht aufgestanden ist und für Sie Brötchen gebacken hat? Oder bei der Erzieherin, die sich den ganzen Tag mit Ihrer Brut rumschlagen muss? Sie sehen, Ihr Chef ist nicht der einzige mit auffälligen Unfähigkeiten. Wir alle leben inzwischen so gut, so friedlich, so luxuriös, dass vieles selbstverständlich geworden und uns zu Kopf gestiegen ist. Die Menschlichkeit im Miteinander, also das Verstehen, das Bedanken, das Verzeihen, das Hineinfühlen, all das ist verloren gegangen und wurde von Missgunst ersetzt. Der ängstliche Reflex, der daraus entsteht, lässt jeden nur auf sich und seine vermeintlichen Rechte und Empfindlichkeiten achten und die eigenen Pflichten links liegen.

 

Wir alle kämen motivierter, gingen zufriedener, wenn wir nur ein wenig mehr Anerkennung im Beruf erhielten. Und wir alle machen uns und unser Glück damit abhängig von Vorgesetzten, die in erster Linie rein wirtschaftliche Interessen mit uns und unser Zeit verbinden. Und statt uns gegenseitig am Schopfe herauszuhelfen und uns, wie es die Mutter aller Bundestrainer so schön sagte, mit Respekt vor der Arbeit eines Jeden auf Augenhöhe zu begegnen, entwickeln wir Hypersensibilitäten, Sozialphobien und Neid-Debatten.

 

Lieber Steffen, warum Ihr Chef ist wie er ist, spielt keine Rolle, wir werden ihn in diesem Leben nicht mehr verändern. Was wir – und damit auch Sie – jedoch ändern können und sollten, ist unser Umgang mit der Arbeit eines Jeden, also auch mit der Ihres Chefs. Versuchen Sie mal einen Perspektivwechsel und gehen Sie mit bestem Beispiel voran! 


In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Warum kann mein Alter nicht in Würde altern?

Dr. Sorglos empfiehlt: Fürchten Sie Ihre Furchen!

Henry, 18, Oberwürschnitz: »Bis vor drei Monaten mochte ich meinen Vater. Er war ein ganz normaler Typ, der unkompliziert roch, ausreichend Humor hatte und seine Lieblingsklamotten so lange trug, bis sie sich vom Körper schälten. Jetzt joggt er, stinkt nach Hugo Boss und will ständig mit mir und seinem neuen Lacoste-Outfit ausgehen. Meine Mutter schweigt und wartet auf das Cabrio und / oder die frisch ausgeschulte Geliebte. Kann man da nicht irgendwas machen?«

Lieber Henry,

 

willkommen in Ihrer eigenen Präventiv-Therapie!

 

Wahrscheinlich werden Sie in den nächsten Wochen mehr über das Leben und die Tage dazwischen lernen als in den 18 Jahren zuvor. Sie werden aus nächster Nähe beobachten können, wie Ihr Herr Papa sich – flankiert von unvorstellbar peinlichen Auftritten wie Aussagen – in einen 80er-Jahre-Dieter-Bohlen verwandelt und die Gewissheit erlangen, dass der große Held Ihrer Kindheit, quasi Ihr Don des Dorfes, Kraft seiner Wassersuppe kein bisschen sicherer auf seinen zwei Beinen steht als Sie. Wie auch, er ist genauso Mensch; er zweifelt, er bangt, er entwickelt Wünsche und Vorstellungen und lernt irgendwann, sich von einigen verabschieden zu müssen. Und Sie werden vielleicht feststellen, dass Sie unter keinen Umständen ein ähnlich jämmerliches Bild abgeben wollen – welch naiver Trugschluss!

 

Die Krux ist: Älterwerden ergibt nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich Sinn. Sie sind gerade 18 Jahre alt geworden und wissen hoffentlich gar nicht recht wohin mit all der neu gewonnenen Freiheit, die sich in den nächsten Jahren immer weiter steigern wird. Aber auch Sie, lieber Henry, dürfen in ihrem herrlich jugendlichen Leichtsinn nicht vergessen, dass wir alle eines Tages aufwachen und urplötzlich registrieren, dass alles im Leben vergänglich ist, dass die meisten oder schönsten Tage vielleicht schon hinter Ihnen liegen und dass es von nun an mehr Dinge zu verlieren und zu verteidigen gibt, als zu gewinnen. Diese Erkenntnis eröffnet eine ganz neue, eher hässliche Perspektive, die den meisten Menschen Angst macht. Und mit Angst geht jeder anders um. Manche werden hysterisch, andere ruhig und wieder andere – wie zum Beispiel Ihr Vater – verfallen in einen gewissen Trotzaktionismus, um sich das Lebensgefühl vergangener Tage noch einmal zurückzuholen. Frauen ergeht es genauso, auch wenn Sie meist würdevoller damit umzugehen wissen. Sollten Sie Ihre Mutter also zeitnah mit einem Arschgeweih erwischen, können Sie sicher sein, sie ist nicht die einzige mit Anfang 50 und wirren Ideen.

 

Ich, gerade eineinhalb Dekaden älter als Sie, hielt es ewig für unmöglich auch nur ansatzweise so ein ekliger alter Mann zu werden, dem aus jeder Furche Haare wachsen. Und doch, es passiert. Gegen meinen Willen. Schon jetzt. Wenn Sie also etwas tun wollen, dann begegnen Sie sich, dem Leben und damit auch Ihrem Vater mit einem milden, wissenden wie mitfühlenden Schmunzeln. 

 

In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Hilfe, meine Freundin ist ein Social-Media-Junkie!

Dr. Sorglos empfiehlt: Romantik pur in Kleßen-Görne

 

Markus, 26, Plauen: »Die Frau an meiner Seite ist unglaublich schön, aber auch genauso süchtig nach Instagram, Facebook und vor allem Twitter. Sie veröffentlicht alles – beginnend von der Dauer ihrer Periode bis zu unserem Sex auf der Toilette meiner Großmutter letzte Woche; selbst intimste Familienangelegenheiten wirft sie hübsch in Szene gesetzt ihren digitalen Followern zum Fraß vor. Den Rest des Tages verbringt sie damit Likes zu zählen und in den Kommentaren Herzchen zu verschicken. Wie, verdammte Axt, kann ich sie wieder für echte Kommunikation in der realen Welt begeistern?«

 

Lieber Markus,

 

ich habe Sie noch nie gesehen und weiß doch, wie Sie in ominös-gelben Unterhosen und ungünstigen Yogaposen aussehen. Ich habe nichts mit Fußpflege am Hut, dafür aber das Bedürfnis Ihnen zu sagen, dass Sie sich dringend um die Nägel Ihrer großen Zehen kümmern sollten. Sie sehen schon, lieber Markus, Sie hätten an jeder Bushaltestelle mehr Privatsphäre als im Rahmen Ihrer Beziehung; selbst Ihr Essen hat Publikum! Und so frage ich mich, ob es Ihnen nicht gehörig Angst macht, nicht zu wissen, was Ihre Freundin als nächstes postet? Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie müssen mal zur Darmspiegelung oder machen ihr einen Heiratsantrag, twittert sie dann live und startet im Zweifel ein passendes Online-Voting? Und was, wenn dann keiner liked?

 

Die Vorstellung ist beinahe witzig, wäre das Problem nicht ziemlich ernst: Etwa drei Milliarden Fotos werden pro Monat (!) allein in Deutschland (!) auf sozialen Plattformen veröffentlicht; immer mehr aus den Wartezimmern von Psychologen, von Süchtigen aber auch Like-Phobikern, die zwar das Bedürfnis nach großem digitalen Applaus verspüren, jedoch aus der Angst heraus, keine hochgereckten Daumen zu gewinnen, gar nicht erst etwas posten und daran leiden. Dreiviertel aller Menschen in einer Beziehung schauen inzwischen öfter auf ihr Handy als ins Gesicht ihres Partners; es ist ein Alptraum.

 

Wenn Ihnen, lieber Markus, also etwas an Ihrer Freundin und Ihrem Privatleben liegt, dann ist es höchste Zeit, aktiv gegen dieses Phänomen vorzugehen! Sie könnten nun spiegeln und Bilder veröffentlichen, auf denen sie sich semieleganter Weise versucht Strumpfhosen anzuziehen oder den Verlauf ihrer Periode anhand der Tampons elegant und gut gefiltert auf einer Wäscheleine demonstrieren. Natürlich könnten Sie sich auch erklären und Bedenken wie Herz vor ihr ausbreiten. Doch wirklich schlau wäre, Sie würden Ihr Mädchen zu einem romantischen Wochenende nach Kleßen-Görne entführen! Neun Einwohner pro Quadratkilometer, Natur pur und nicht einen Balken Handyempfang, geschweige denn WLAN; die brandenburgische Provinz lädt wie keine zweite zum digitalen Detox ein und garantiert längst vergessene Intimität und Privatsphäre. Zeigen Sie ihr, wie schön das echte Leben sein kann, wie es sich anfühlt, riecht und schmeckt.

 

Und dann lassen Sie es krachen,

Ihr Dr. Sorglos.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um für immer zu gehen?

Dr. Sorglos empfiehlt: Stecken Sie sich ein tröstendes Ass in den Ärmel!

Alma, 24, Leubetha: »Ich werde sterben, so wie alle anderen auch. Der Unterschied zu mir ist nur, dass ich schon sicher weiß, dass dies mein letzter Frühling ist. Das Warum empfand ich eine kleine Weile als sehr unfair und inzwischen als banal. Viel mehr beschäftigt mich die Frage, ob es einen richtigen Zeitpunkt gibt, woran ich den erkennen und was ich dann tun könnte.«

Liebste Alma,

 

wie schön, von Ihnen zu hören. Und vielen Dank, dass Sie mich mit dieser eigentlich ja sehr natürlichen Thematik konfrontieren, die aus ganz unterschiedlichen Gründen so unheimlich tabuisiert wird in unserer westlichen Gesellschaft. Es wäre nun ein leichtes und gar nicht unwichtig,  einmal darzulegen, warum uns die Fähigkeit mit dem Tod umzugehen, so verkümmert ist. Warum wir das Sterben so konsequent aus unserem Alltag verbannt und an externe Dienstleister ausgelagert haben. Aber all das wissen Sie wahrscheinlich oder es ist Ihnen verständlicherweise schlichtweg scheißegal.

Menschen, die zum Beispiel in einem Hospiz arbeiten und dem Tod regelmäßig begegnen, lernen schnell, dass nicht immer alles gesagt werden muss, wenn es um fürchterliche Wahrheiten geht. Aber dass das, was gesagt wird, unbedingt ehrlich sein sollte. Und wenn ich ehrlich sein darf, liebste Alma, dann tut es mir sehr Leid für Sie, Ihre Familie und Freunde.

 

Auch ich weiß nicht, wann der richtige Zeitpunkt ist, um für immer zu gehen. Aber ich verstehe sehr wohl Ihre Frage und habe eine leise Ahnung, woran man ihn erkennen könnte. Vielleicht hilft Ihnen eine mich sehr bewegende Erfahrung dabei, eine Antwort zu finden:

Die zauberhafte Illustratorin dieser Kolumne und ich arbeiten beruflich öfter mit Menschen zusammen, die in Richtung Ende gehend, den Wunsch haben ihr Leben im Rahmen eines Buches Revue passieren zu lassen. In einem dieser Projekte verschlechterte sich der Gesundheitszustand eines Mannes im Laufe der Zusammenarbeit schnell unaufhaltsam. Und irgendwann sagte er, dass es nur noch ein Ziel gäbe, für das sich diese letzten beschwerlichen Meter lohnen würden – sein Buch. Dieser Mann wollte etwas hinterlassen und er wollte es persönlich übergeben. Als dieses letzte große Ziel erreicht war, befand er sich auf einem Hoch, hatte Appetit und seit langem etwas Farbe im Gesicht. Im allerbesten Sinne satt fühle er sich, sagte er dann, satt vom Leben und schlief kurz darauf wohl selig ein.

 

Was ich Ihnen damit sagen möchte, liebste Alma, ist, dass sich die Natürlichkeit des Todes in den allermeisten Fällen nicht von Diagnosen und prophezeiten Szenarien beeindrucken lässt und dass Gevatter Tod meist friedlich daherkommt. Mich beruhigt dieser Gedanke, genauso wie das tröstende Ass, das ich in meinem Ärmel wähne, denn ich bin einer derer, denen Freiheit und Selbstbestimmung immer das Wichtigste war und das wird vermutlich auch bis zum Ende so bleiben. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

 

Gute Reise,
Ihr Dr. Sorglos.

 

Wie nur kann ich mich entscheiden?

Dr. Sorglos empfiehlt: Sterben Sie bei Starbucks!

Peter | 19 | Breitenfeld: »Ich bin am Arsch: Soll ich studieren und wenn ja, was? Und wo? Was mache ich mit meiner Freundin, die eigentlich schon ganz nett, aber vielleicht noch nicht nett genug ist und überhaupt, muss ich mich doch mal irgendwann für irgendwas entscheiden? Oder nicht?«

Lieber Peter,

 

an einem dieser Tage, von denen man später gern einmal erzählt, saß ich mit einer ziemlich adretten Dame in einem KFZ ihrer Wahl. Es regnete draußen, es knisterte drinnen und wissen Sie was die Dame tat? Statt hastig ihren Mund auf den meinen zu pressen und wild hechelnd die Scheiben beschlagen zu lassen, versuchte sie, einen zur Situation und ihrer Absicht passenden Song im Radio ausfindig zu machen und konnte sich zwischen all der schlechten Musik einfach nicht entscheiden. Irgendwann war es dann entscheidend zu spät und mir zu blöd. Ich ging ungeküsst und erntete später – nicht das Sie denken lieber Peter, es wäre der Dame Taktik gewesen, um um den intensiven Lippenkontakt drumherum zu schiffen – herzzerreißende, reuevolle Liebesbriefe.

 

Sehen Sie, die Kunst der Entscheidung ist eine Tochter der Freiheit, modern und kostbar. Nie zuvor waren wir so frei, die Grenzen so offen und die Möglichkeiten so groß wie heute! Nur logisch, dass wir auch nie zuvor so viele Entscheidungen treffen mussten wie heutzutage. Uns fehlt es also gewissermaßen an Übung. Uns fehlt es aber auch an Mut, an Glaube, Liebe und Hoffnung. Das größte Problem jedoch ist, dass wir verlernt haben Kopf und Bauch, Verstand und Gefühl in Einklang zu bringen; viel zu oft halten diese heute einander für Irrtümer der Natur.

Ich habe daher eine Idee für Sie, mein lieber Peter. Stellen Sie sich vor, Sie sterben steinalt bei Starbucks. Oder Subway. Einem dieser Läden, die nur einem einzigen Sinn folgen, nämlich dem, entscheidungsschwachen Menschen zwei Hände voll Fragen an den Kopf zu klatschen, obwohl diese eigentlich nur etwas zu trinken bzw. essen haben wollen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten also all Ihre Entscheidungen längst hinter sich und würden einen Kaffee, der Ihnen zitternd die Pfoten verbrüht, in der Hand halten und einmal zurück schauen:

 

Wären Sie dann froh, studiert zu haben?
Würden Sie es gut finden, auch einmal eine andere Stadt belebt zu haben?
Wären Sie stolz, Ihr ganzes Leben loyal an der Seite einer wahrlich besonderen Frau verbracht zu haben?

 

Stellen Sie Ihre Fragen Ihrem 80-jährigen, kurz vor dem Sterben bei Starbucks stehendem Ich und ich verspreche Ihnen, es wird Ihren Blick mit einer beinahe unerhörten Klarheit schärfen! Und wenn Sie dann dennoch Bedenken mit sich herumschleppen, lieber Peter, dann fällt Ihnen sicher ein, dass man auch ungefähr entscheiden kann. Besser, als genau falsch.

 

In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Wie kann ich endlich verzeihen?

Dr. Sorglos empfiehlt: Werden Sie zum Sherlock!

Wiebke | 23 | Reichenbach: »Eigentlich sollte ich zufrieden sein und froh, dass so Vieles in meinem Leben so gut gelaufen ist. Aber da ist dieses Gefühl von Wut, es sitzt direkt neben meinem Herzen und steht mir und meinem Glück im Weg. Es kommt immer dann, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann und trifft immer die, die es am wenigsten verdient haben. Was kann ich nur dagegen tun?«

Liebste Wiebke,

 

verletzte Menschen verletzen Menschen. Ein Satz, der bei genauerer Betrachtung schwer auf den Magen schlägt. Sehen Sie, unser Denken und Fühlen als Kind basiert letztlich auf der Summe der Erfahrungen der Menschen, die uns prägen. Mit dieser Prägung auf der Stirn werden wir als Heranwachsende in die Welt geschickt und unsere Aufgabe ist es nun, das Erlernte anzuwenden und auf Aktualität und Funktionalität zu prüfen, bevor wir später, wenn wir unseren Platz gefunden haben, unsere Kinder prägen. Nehmen wir also beispielsweise an, unsere Eltern lernten zu DDR-Zeiten, dass man niemandem vertrauen darf, dann ist es nun unsere Aufgabe zu prüfen, ob dieser Gedanke auch in unserer Zeit und Gesellschaft noch Gültigkeit hat und notwendig ist.

 

Geschätzte Wiebke, wenn Sie nun den Idealfall verstehen, müssen Sie jedoch bedenken, dass wir alle Menschen sind und Menschen nun mal Fehler machen. Das heißt also, dass es passieren kann, dass die Menschen, die Sie prägten Fehler gemacht haben und diese Fehler bis heute einen Platz in Ihnen haben und darauf warten, endlich gehört, verarbeitet und als wichtige Erfahrungen richtig eingeordnet zu werden. Ich schlage Ihnen daher vor, sich eine innere Sherlock-Wiebke-Mütze aufzusetzen, das Monokel zu justieren und zu kombinieren!

 

Woher kommt die Wut, so dicht neben Ihrem Herzen? Gibt es ein Erlebnis aus Ihrer Vergangenheit, dass Sie so richtig wütend machte, ohne dass Sie diese Wut ausleben konnten? Denn mit Gefühlen ist es letztlich wie mit Bohnen: Sobald wir sie hinunterschlucken, bekommen wir den Auftrag, ihnen auch wieder einen Weg hinaus aus unserem Körper zu gewährleisten. Tun wir dies nicht, verkriechen sie sich irgendwo in uns und lassen genau in den Momenten, in denen wir es am wenigsten gebrauchen können, unangenehme Duftmarken heraus, die meist die Menschen treffen, die es am wenigsten verdient haben. Diese Duftmarken sollen uns daran erinnern, dass da noch etwas sitzt und darauf wartet, verarbeitet und ausgeschieden zu werden.

 

Liebste Wiebke, vor Ihnen liegt keine leichte Aufgabe und sobald Sie diese gelöst haben und wissen, woher diese Wut in Ihnen kommt, wartet eine noch schwerere Herausforderung auf Sie – das Verzeihen. Verzeihen ist ein Akt der Liebe und Barmherzigkeit, der uns Menschen nur gelingt, wenn wir nicht nur den Fehler im anderen, sondern auch die vielen guten Dinge in unserem Gegenüber sehen. Und nur wenn dieses Verzeihen aufrichtig ist, kann das Vergessen eingeleitet und neues Vertrauen aufgebaut werden. Und dann, meine Gnädigste, dann hat der ganze Spuk ein Ende.


In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Wohin nur mit all dem falschen Anstand?

Dr. Sorglos empfiehlt: Lernen Sie schwimmen!

Maike | 25 | Wohlhausen: »Mein Mitbewohner pinkelt beim Duschen und nennt das Multi-tasking, meine Oma schenkt mir seit Jahrzehnten bei jeder Gelegenheit Minzschokolade, obwohl es für mich kaum etwas Ekelhafteres gibt, mein Kollege riecht immer mittwochs unerträglich und ich selbst lade Menschen zu meinem Geburtstag ein, nur weil sie mich zuvor auch eingeladen haben. Es ist bescheuert und doch fühlt es sich unlösbar an.«

Liebste Maike,

 

kennen Sie eigentlich das sibirische Dilemma? Man sagt, wer dort durchs Eis bricht und ins Wasser fällt, steckt ziemlich in der Klemme: Entweder er sinkt in die Tiefe und ertrinkt oder er klettert heraus und erfriert. Es scheint also unmöglich, das Richtige zu tun. Und eben dieses »Richtige« ist letztlich unser Stichwort!

 

Ist es richtig, jemanden einzuladen, den wir eigentlich nicht dabei haben wollen? Ist es richtig, Omas liebevolle und sicher aus einem einfachen Kommunikationsproblem resultierende Geste, abzuschlagen, nur weil sie uns nicht schmeckt, und geht es dabei wirklich um Schokolade? Müssen wir einen Mitbewohner und seine ekelhaften Angewohnheiten aushalten oder einen Kollegen der dienstags schwitzt, aber nicht duscht?

Die meisten unserer Eltern erklärten uns, was sie für richtig hielten und lebten uns ihre Form von Anstand vor. Wir wurden geimpft auf alles mögliche zu achten, außer auf uns selbst. Für unsere Eltern hat es einmal viel Sinn gemacht, Wert darauf zu legen, was die Nachbarn beobachten, was die Kollegen denken und was überhaupt alle anderen so von einem halten; nicht nur in der DDR hatte dies eine essentielle Bedeutung. Also waren sie anständig. Und ständig an.

 

Irgendwann merkten sie jedoch, dass man so keine eigene Identität entwickeln kann. Demnach wünschten sie sich (für und) von uns, dass wir ehrlich sind – das ist der Ursprung unseres sibirischen Dilemmas: Sind wir anständig, verlieren wir uns selbst; sind wir ehrlich, scheint es, als würden wir die Regeln der Gesellschaft brechen.

 

Liebste Maike, diese ziemlich dunkle Sache mit dem falschen Anstand hat ein kleines, leuchtendes Fenster, das man nur sehen kann, wenn man die Perspektive wechselt. Irgendwer hat irgendwann einmal mit einem stumpfen Irgendwas in das dazugehörige Fensterholz geschnitzt, dass es eine gute Idee wäre, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

 

Wollen Sie nur aus Anstand eingeladen werden? Wollen Sie, dass sich ein Kollege zunächst einmal vertrauensvoll an Sie wendet, wenn Sie besser riechen könnten? Und was, wenn Sie einmal eine Oma sein werden, würden Sie sich dann nicht auch wünschen, dass Ihr Enkel kommt, Sie fest umarmt und mit Ihnen seine tatsächliche Lieblingsschokolade verköstigt?

 

Die Lösung Ihres sibirischen Dilemmas, liebe Maike, liegt also tief in Ihren eigenen Überzeugungen, in denen Sie schwimmen lernen, aber niemals erfrieren können.

 

In diesem Sinne,

Ihr Dr. Sorglos.