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Wie nur kann ich mich entscheiden?

Dr. Sorglos empfiehlt: Sterben Sie bei Starbucks!

Peter | 19 | Breitenfeld: »Ich bin am Arsch: Soll ich studieren und wenn ja, was? Und wo? Was mache ich mit meiner Freundin, die eigentlich schon ganz nett, aber vielleicht noch nicht nett genug ist und überhaupt, muss ich mich doch mal irgendwann für irgendwas entscheiden? Oder nicht?«

Lieber Peter,

 

an einem dieser Tage, von denen man später gern einmal erzählt, saß ich mit einer ziemlich adretten Dame in einem KFZ ihrer Wahl. Es regnete draußen, es knisterte drinnen und wissen Sie was die Dame tat? Statt hastig ihren Mund auf den meinen zu pressen und wild hechelnd die Scheiben beschlagen zu lassen, versuchte sie, einen zur Situation und ihrer Absicht passenden Song im Radio ausfindig zu machen und konnte sich zwischen all der schlechten Musik einfach nicht entscheiden. Irgendwann war es dann entscheidend zu spät und mir zu blöd. Ich ging ungeküsst und erntete später – nicht das Sie denken lieber Peter, es wäre der Dame Taktik gewesen, um um den intensiven Lippenkontakt drumherum zu schiffen – herzzerreißende, reuevolle Liebesbriefe.

 

Sehen Sie, die Kunst der Entscheidung ist eine Tochter der Freiheit, modern und kostbar. Nie zuvor waren wir so frei, die Grenzen so offen und die Möglichkeiten so groß wie heute! Nur logisch, dass wir auch nie zuvor so viele Entscheidungen treffen mussten wie heutzutage. Uns fehlt es also gewissermaßen an Übung. Uns fehlt es aber auch an Mut, an Glaube, Liebe und Hoffnung. Das größte Problem jedoch ist, dass wir verlernt haben Kopf und Bauch, Verstand und Gefühl in Einklang zu bringen; viel zu oft halten diese heute einander für Irrtümer der Natur.

Ich habe daher eine Idee für Sie, mein lieber Peter. Stellen Sie sich vor, Sie sterben steinalt bei Starbucks. Oder Subway. Einem dieser Läden, die nur einem einzigen Sinn folgen, nämlich dem, entscheidungsschwachen Menschen zwei Hände voll Fragen an den Kopf zu klatschen, obwohl diese eigentlich nur etwas zu trinken bzw. essen haben wollen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten also all Ihre Entscheidungen längst hinter sich und würden einen Kaffee, der Ihnen zitternd die Pfoten verbrüht, in der Hand halten und einmal zurück schauen:

 

Wären Sie dann froh, studiert zu haben?
Würden Sie es gut finden, auch einmal eine andere Stadt belebt zu haben?
Wären Sie stolz, Ihr ganzes Leben loyal an der Seite einer wahrlich besonderen Frau verbracht zu haben?

 

Stellen Sie Ihre Fragen Ihrem 80-jährigen, kurz vor dem Sterben bei Starbucks stehendem Ich und ich verspreche Ihnen, es wird Ihren Blick mit einer beinahe unerhörten Klarheit schärfen! Und wenn Sie dann dennoch Bedenken mit sich herumschleppen, lieber Peter, dann fällt Ihnen sicher ein, dass man auch ungefähr entscheiden kann. Besser, als genau falsch.

 

In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Wie kann ich endlich verzeihen?

Dr. Sorglos empfiehlt: Werden Sie zum Sherlock!

Wiebke | 23 | Reichenbach: »Eigentlich sollte ich zufrieden sein und froh, dass so Vieles in meinem Leben so gut gelaufen ist. Aber da ist dieses Gefühl von Wut, es sitzt direkt neben meinem Herzen und steht mir und meinem Glück im Weg. Es kommt immer dann, wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann und trifft immer die, die es am wenigsten verdient haben. Was kann ich nur dagegen tun?«

Liebste Wiebke,

 

verletzte Menschen verletzen Menschen. Ein Satz, der bei genauerer Betrachtung schwer auf den Magen schlägt. Sehen Sie, unser Denken und Fühlen als Kind basiert letztlich auf der Summe der Erfahrungen der Menschen, die uns prägen. Mit dieser Prägung auf der Stirn werden wir als Heranwachsende in die Welt geschickt und unsere Aufgabe ist es nun, das Erlernte anzuwenden und auf Aktualität und Funktionalität zu prüfen, bevor wir später, wenn wir unseren Platz gefunden haben, unsere Kinder prägen. Nehmen wir also beispielsweise an, unsere Eltern lernten zu DDR-Zeiten, dass man niemandem vertrauen darf, dann ist es nun unsere Aufgabe zu prüfen, ob dieser Gedanke auch in unserer Zeit und Gesellschaft noch Gültigkeit hat und notwendig ist.

 

Geschätzte Wiebke, wenn Sie nun den Idealfall verstehen, müssen Sie jedoch bedenken, dass wir alle Menschen sind und Menschen nun mal Fehler machen. Das heißt also, dass es passieren kann, dass die Menschen, die Sie prägten Fehler gemacht haben und diese Fehler bis heute einen Platz in Ihnen haben und darauf warten, endlich gehört, verarbeitet und als wichtige Erfahrungen richtig eingeordnet zu werden. Ich schlage Ihnen daher vor, sich eine innere Sherlock-Wiebke-Mütze aufzusetzen, das Monokel zu justieren und zu kombinieren!

 

Woher kommt die Wut, so dicht neben Ihrem Herzen? Gibt es ein Erlebnis aus Ihrer Vergangenheit, dass Sie so richtig wütend machte, ohne dass Sie diese Wut ausleben konnten? Denn mit Gefühlen ist es letztlich wie mit Bohnen: Sobald wir sie hinunterschlucken, bekommen wir den Auftrag, ihnen auch wieder einen Weg hinaus aus unserem Körper zu gewährleisten. Tun wir dies nicht, verkriechen sie sich irgendwo in uns und lassen genau in den Momenten, in denen wir es am wenigsten gebrauchen können, unangenehme Duftmarken heraus, die meist die Menschen treffen, die es am wenigsten verdient haben. Diese Duftmarken sollen uns daran erinnern, dass da noch etwas sitzt und darauf wartet, verarbeitet und ausgeschieden zu werden.

 

Liebste Wiebke, vor Ihnen liegt keine leichte Aufgabe und sobald Sie diese gelöst haben und wissen, woher diese Wut in Ihnen kommt, wartet eine noch schwerere Herausforderung auf Sie – das Verzeihen. Verzeihen ist ein Akt der Liebe und Barmherzigkeit, der uns Menschen nur gelingt, wenn wir nicht nur den Fehler im anderen, sondern auch die vielen guten Dinge in unserem Gegenüber sehen. Und nur wenn dieses Verzeihen aufrichtig ist, kann das Vergessen eingeleitet und neues Vertrauen aufgebaut werden. Und dann, meine Gnädigste, dann hat der ganze Spuk ein Ende.


In diesem Sinne,
Ihr Dr. Sorglos.

Wohin nur mit all dem falschen Anstand?

Dr. Sorglos empfiehlt: Lernen Sie schwimmen!

Maike | 25 | Wohlhausen: »Mein Mitbewohner pinkelt beim Duschen und nennt das Multi-tasking, meine Oma schenkt mir seit Jahrzehnten bei jeder Gelegenheit Minzschokolade, obwohl es für mich kaum etwas Ekelhafteres gibt, mein Kollege riecht immer mittwochs unerträglich und ich selbst lade Menschen zu meinem Geburtstag ein, nur weil sie mich zuvor auch eingeladen haben. Es ist bescheuert und doch fühlt es sich unlösbar an.«

Liebste Maike,

 

kennen Sie eigentlich das sibirische Dilemma? Man sagt, wer dort durchs Eis bricht und ins Wasser fällt, steckt ziemlich in der Klemme: Entweder er sinkt in die Tiefe und ertrinkt oder er klettert heraus und erfriert. Es scheint also unmöglich, das Richtige zu tun. Und eben dieses »Richtige« ist letztlich unser Stichwort!

 

Ist es richtig, jemanden einzuladen, den wir eigentlich nicht dabei haben wollen? Ist es richtig, Omas liebevolle und sicher aus einem einfachen Kommunikationsproblem resultierende Geste, abzuschlagen, nur weil sie uns nicht schmeckt, und geht es dabei wirklich um Schokolade? Müssen wir einen Mitbewohner und seine ekelhaften Angewohnheiten aushalten oder einen Kollegen der dienstags schwitzt, aber nicht duscht?

Die meisten unserer Eltern erklärten uns, was sie für richtig hielten und lebten uns ihre Form von Anstand vor. Wir wurden geimpft auf alles mögliche zu achten, außer auf uns selbst. Für unsere Eltern hat es einmal viel Sinn gemacht, Wert darauf zu legen, was die Nachbarn beobachten, was die Kollegen denken und was überhaupt alle anderen so von einem halten; nicht nur in der DDR hatte dies eine essentielle Bedeutung. Also waren sie anständig. Und ständig an.

 

Irgendwann merkten sie jedoch, dass man so keine eigene Identität entwickeln kann. Demnach wünschten sie sich (für und) von uns, dass wir ehrlich sind – das ist der Ursprung unseres sibirischen Dilemmas: Sind wir anständig, verlieren wir uns selbst; sind wir ehrlich, scheint es, als würden wir die Regeln der Gesellschaft brechen.

 

Liebste Maike, diese ziemlich dunkle Sache mit dem falschen Anstand hat ein kleines, leuchtendes Fenster, das man nur sehen kann, wenn man die Perspektive wechselt. Irgendwer hat irgendwann einmal mit einem stumpfen Irgendwas in das dazugehörige Fensterholz geschnitzt, dass es eine gute Idee wäre, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

 

Wollen Sie nur aus Anstand eingeladen werden? Wollen Sie, dass sich ein Kollege zunächst einmal vertrauensvoll an Sie wendet, wenn Sie besser riechen könnten? Und was, wenn Sie einmal eine Oma sein werden, würden Sie sich dann nicht auch wünschen, dass Ihr Enkel kommt, Sie fest umarmt und mit Ihnen seine tatsächliche Lieblingsschokolade verköstigt?

 

Die Lösung Ihres sibirischen Dilemmas, liebe Maike, liegt also tief in Ihren eigenen Überzeugungen, in denen Sie schwimmen lernen, aber niemals erfrieren können.

 

In diesem Sinne,

Ihr Dr. Sorglos.